Mittwoch, 7. Oktober 2009
Dienstag, 6. Oktober 2009
Joachim Lottmann über Gott
Ich sehe gerade einen Alienfilm (District 9) und da ist es doch interessant zu wissen, was Lottmann dazu zu sagen hat:
„Letztens hatte ich wieder einen meiner gepflegten Herrenabende zu viert, mit einem General a.D. und einem Generalmajor a.D., beide von der Bundeswehr, und einem Offizier a.D. von der NVA. Solche Leute sind meist sehr gebildet, und sollten es auch, bei ihrer Verantwortung für Millionen Menschenleben. So morgens um halb vier kam das Gespräch sogar auf letzte Dinge - Gott, Universum, Untergang der Menschheit und so weiter - und ich sagte, das Universum sei dem lieben Gott ganz egal. Er sei nur an der Menschheit interessiert, und die würde auch nicht untergehen. ‚Ach was, es gibt so viele Milliarden andere Galaxien, da wird es bestimmt noch ganz andere Lebewesen geben!‘ rief der Generalmajor a.D. von der Bundeswehr. Es war ein Einwand, den ich zuletzt im Alter von zehn Jahren gehört hatte. Seitdem hatte mich das Thema nicht mehr interessiert. Ich blieb ruhig: ‚Herr General, es gibt nur uns. Seien Sie sich da sicher.‘ ‚Wir haben Raketen, die können jetzt schon… und in zehn Jahren, in hundert Jahren, wer weiß… und sie entdecken doch immer wieder völlig neue Milchstraßen…‘ ‚Das will Gott aber gar nicht wissen! Was meinen Sie, was er sagt, wenn ihm die Engel dreizehn Trilliarden neue Galaxien melden, die entstanden sind? Er stöhnt: ‘Ist mir wurst, ich will wissen, was meine lieben MENSCHEN in den letzten 24 Stunden neues ausgebrütet haben, insbesondere die Philosophen und Schriftsteller!’ ‚Ach!‘ ‚Ja, natürlich! Er fragt, ob Peter Handke endlich wieder was Neues draußen hat!‘ ‚Warum denn gerade das, äh, DEN?! Handke? Bestimmt will Gott - sollte es ihn geben, was ich nicht glaube - lieber wissen, ob in Ruanda gerade ein neuer Genozid im Gang ist, oder ob die Wale weiter auf gotteslästerliche Weise gefangen und…‘ ‚Nein, nein, stop, ich weiß, was Sie sagen wollen, aber so ist es nicht. Ihm geht es um die geistigen Prozesse, glauben Sie wenigstens mir. Die Wale interessieren Gott nicht. Er will Leute haben, die irgendwann auf Augenhöhe mit ihm sind. Intellektuelle im besten Fall.‘ ‚Aber es könnte doch sein, daß auch auf einem ganz anderen Stern, den wir noch gar nicht kennen, sozusagen VIERZEHN Trilliarden Milchstraßen entfernt, ebenfalls ein Schriftsteller sitzt, ein anderer Handke, ein Hans-Magnus Enzensberger, der…‘ ‚Bullshit, General, da sind nur unbelebte Geröllhalden, sturzlangweilig wie die übrigen Steinhaufen da im Himmel. Den Handke haben wir nur hier. Und den Enzensberger erst recht!‘ ‚Woher wollen Sie das wissen, also daß nicht…‘ ‚Weil Gottes Sohn hierher geschickt wurde und nicht anderswo hin.‘ ‚Äh, und das, das haben Sie als belastbare Information?‘ ‚Roger. Steht ja schon in der Bibel.‘ Die Generäle schlugen sich krachend auf die Schenkel, hielten das für einen dollen Scherz. ‚Ha ha ha ha ha, Lottmännchen, Sie sind richtig!‘ Die Gläser wurden von der verhuschten Frau des Generalmajors a.D., die sich im Hintergrund hielt, nachgeschenkt, und man stieß lachend und glucksend ‚auf den obersten Befehlshaber da oben‘ an. Wie gesagt, es war halb vier Uhr nachts. Und so richtig gebildet waren sie halt doch nicht, die Militärs.“
„Letztens hatte ich wieder einen meiner gepflegten Herrenabende zu viert, mit einem General a.D. und einem Generalmajor a.D., beide von der Bundeswehr, und einem Offizier a.D. von der NVA. Solche Leute sind meist sehr gebildet, und sollten es auch, bei ihrer Verantwortung für Millionen Menschenleben. So morgens um halb vier kam das Gespräch sogar auf letzte Dinge - Gott, Universum, Untergang der Menschheit und so weiter - und ich sagte, das Universum sei dem lieben Gott ganz egal. Er sei nur an der Menschheit interessiert, und die würde auch nicht untergehen. ‚Ach was, es gibt so viele Milliarden andere Galaxien, da wird es bestimmt noch ganz andere Lebewesen geben!‘ rief der Generalmajor a.D. von der Bundeswehr. Es war ein Einwand, den ich zuletzt im Alter von zehn Jahren gehört hatte. Seitdem hatte mich das Thema nicht mehr interessiert. Ich blieb ruhig: ‚Herr General, es gibt nur uns. Seien Sie sich da sicher.‘ ‚Wir haben Raketen, die können jetzt schon… und in zehn Jahren, in hundert Jahren, wer weiß… und sie entdecken doch immer wieder völlig neue Milchstraßen…‘ ‚Das will Gott aber gar nicht wissen! Was meinen Sie, was er sagt, wenn ihm die Engel dreizehn Trilliarden neue Galaxien melden, die entstanden sind? Er stöhnt: ‘Ist mir wurst, ich will wissen, was meine lieben MENSCHEN in den letzten 24 Stunden neues ausgebrütet haben, insbesondere die Philosophen und Schriftsteller!’ ‚Ach!‘ ‚Ja, natürlich! Er fragt, ob Peter Handke endlich wieder was Neues draußen hat!‘ ‚Warum denn gerade das, äh, DEN?! Handke? Bestimmt will Gott - sollte es ihn geben, was ich nicht glaube - lieber wissen, ob in Ruanda gerade ein neuer Genozid im Gang ist, oder ob die Wale weiter auf gotteslästerliche Weise gefangen und…‘ ‚Nein, nein, stop, ich weiß, was Sie sagen wollen, aber so ist es nicht. Ihm geht es um die geistigen Prozesse, glauben Sie wenigstens mir. Die Wale interessieren Gott nicht. Er will Leute haben, die irgendwann auf Augenhöhe mit ihm sind. Intellektuelle im besten Fall.‘ ‚Aber es könnte doch sein, daß auch auf einem ganz anderen Stern, den wir noch gar nicht kennen, sozusagen VIERZEHN Trilliarden Milchstraßen entfernt, ebenfalls ein Schriftsteller sitzt, ein anderer Handke, ein Hans-Magnus Enzensberger, der…‘ ‚Bullshit, General, da sind nur unbelebte Geröllhalden, sturzlangweilig wie die übrigen Steinhaufen da im Himmel. Den Handke haben wir nur hier. Und den Enzensberger erst recht!‘ ‚Woher wollen Sie das wissen, also daß nicht…‘ ‚Weil Gottes Sohn hierher geschickt wurde und nicht anderswo hin.‘ ‚Äh, und das, das haben Sie als belastbare Information?‘ ‚Roger. Steht ja schon in der Bibel.‘ Die Generäle schlugen sich krachend auf die Schenkel, hielten das für einen dollen Scherz. ‚Ha ha ha ha ha, Lottmännchen, Sie sind richtig!‘ Die Gläser wurden von der verhuschten Frau des Generalmajors a.D., die sich im Hintergrund hielt, nachgeschenkt, und man stieß lachend und glucksend ‚auf den obersten Befehlshaber da oben‘ an. Wie gesagt, es war halb vier Uhr nachts. Und so richtig gebildet waren sie halt doch nicht, die Militärs.“
Montag, 5. Oktober 2009
Davila
„Wenn Gott gestorben ist, wird der Mensch sterben, weil der Mensch nur der matte Glanz seines Abbildes ist, nicht mehr als seine verworfene und edle Ähnlichkeit.
Ein schlaues und einfallsreiches Tier wird dem Menschen vielleicht morgen nachfolgen. Wenn seine leeren Bauten einst einstürzen, wird die zufriedene Bestie in das ursprüngliche Halbdunkel einziehen, wo seine Schritte, mit anderen leisen Schritten vermengt, erneut vor dem Gebrüll des tausendjährigen Hungers fliehen werden.“
Ein schlaues und einfallsreiches Tier wird dem Menschen vielleicht morgen nachfolgen. Wenn seine leeren Bauten einst einstürzen, wird die zufriedene Bestie in das ursprüngliche Halbdunkel einziehen, wo seine Schritte, mit anderen leisen Schritten vermengt, erneut vor dem Gebrüll des tausendjährigen Hungers fliehen werden.“
Rilke
„Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
Sonntag, 4. Oktober 2009
Wer aus der Reihe denkt, wird ruhiggestellt
„Unserer Gesellschaft scheint inzwischen etwas vorzuschweben wie ein moderierter Diskurs, in dem jeder Inhalt sich der Etikette zu beugen hat. Wobei Etikette längst in Wahrheit nicht wirklich meint, wie etwas gesagt wird, sondern was. Das erkennt man daran, dass denen, die dagegen verstoßen, sofort mit dem Berufsverbot gedroht wird, dem Strafrecht gar, dass ihnen nicht widersprochen wird, sondern dass sie nicht mehr sprechen sollen. Es soll Redefreiheit nur im Rahmen dessen geben, was man hören möchte. Der Zusammenhang zwischen Redefreiheit, Meinungsfreiheit und Demokratie: den meisten scheint er gar nicht mehr bekannt. Aber auch der zwischen offenem Wort, offenem Denken, Einsicht oder gar Umkehr.
Jahre nach der großen Kulturrevolution der sechziger Jahre ist an die Stelle der geschleiften Autoritäten ein anonymer, konturenloser Schleim getreten, die verallgemeinerte Autorität, aus dem je nach Bedarf wie Formwandler Gestalten springen und Verdikte verkünden, gegen die keine Berufung eingelegt werden kann.“ Volker Zastrow in der FAZ
Jahre nach der großen Kulturrevolution der sechziger Jahre ist an die Stelle der geschleiften Autoritäten ein anonymer, konturenloser Schleim getreten, die verallgemeinerte Autorität, aus dem je nach Bedarf wie Formwandler Gestalten springen und Verdikte verkünden, gegen die keine Berufung eingelegt werden kann.“ Volker Zastrow in der FAZ
Freitag, 2. Oktober 2009
Das Westliche Christentum
Definition 1
Die Religion, die für den Aufstieg des Imperialismus, das eurozentrische Weltbild und die Vernichtung der autochonen Bevölkerung in Nord-, Mittel-und Süd-Ameria verantwortlich ist.
Definition 2
Eine obsolete und sterbende Religion, welche auf der Vorstellung beruht, daß ein fehlerhaftes aber funktionales Fragment der göttlichen Wahrnehmung in einem individuellen Geist geschaffen werden kann, wodurch es möglich wird, die Gehorsamsroutine gegenüber einer langen Liste moralischer Gebote durch ein inneres Gewissen zu ersetzen, welches in der Lage ist, moralische Entscheidungen zu treffen und aus den Folgen dieser Entscheidungen über die Zeit lernen kann. Die implizite Forderung dieser Religion, daß jeder Praktizierende in seinem Geist ein funktionierendes Modell der göttlichen Welt erbaut und erhält, mit sich selbst in einem angemessen bescheidenen Verhältnis zum Gesamten des Universums, hat über einen gewissen Zeitraum einen unvollkommenen Erfolg genossen. Die außergewöhnliche Beschaffenheit und der Umfang ihrer Anforderungen an die menschliche Imagination förderten die Erhöhung des Individuums zu einem sinnvollen Bestandteil der sozialen und politischen Systeme, und führten zu einem explosiven Wachstum der Neugier, des Lernens und der Innovation, was es der westliche Zivilisation ermöglichte, die Welt zu dominieren. Daran anschließend entstanden derivative Konzepte, wie Wissenschaft, Atheismus, Agnostizismus und Existenzialismus, um den Umfang und das Ausmaß der Herausforderung für das Gemüt und den Verstand verschiedener Personen zu reduzieren, die entweder nicht in der Lage waren Göttlichkeit zu imaginieren oder die nicht gewillt waren, den ihnen zu stehenden Platz und die Verantwortung in einem göttlichen Universum zu akzeptieren. Nachdem es ihnen gelang zu vergessen, dass ihr eigenes menschliches Bewusstsein in erster Linie durch das Christentum geschaffen worden war, fingen sie damit an, schrittweise kleinere Modelle des Universums zu definieren, um schließlich bei einer rein physikalischen Zwergenversion zu landen, beherrscht von nicht zugewiesenen "Gesetzen" der Physik und einer utilitaristischen Anwendung des Konzepts der Prädestination -verwässert durch das Konzept von zufälligen physikalischen Veränderungen-, wodurch jedes Bedürfnis nach (unerwünschter) innerer Reflexion im christlichen Sinne eliminiert wurde. Obwohl äußere Symbole, Traditionen und Institutionen des Christentums in sich verschlechternder Form überlebt haben, war die Religion selbst seitdem zum Scheitern verurteilt und mit ihr, das, von ihr gezeugte, große Ideal des Bewusstseins.
Die Religion, die für den Aufstieg des Imperialismus, das eurozentrische Weltbild und die Vernichtung der autochonen Bevölkerung in Nord-, Mittel-und Süd-Ameria verantwortlich ist.
Definition 2
Eine obsolete und sterbende Religion, welche auf der Vorstellung beruht, daß ein fehlerhaftes aber funktionales Fragment der göttlichen Wahrnehmung in einem individuellen Geist geschaffen werden kann, wodurch es möglich wird, die Gehorsamsroutine gegenüber einer langen Liste moralischer Gebote durch ein inneres Gewissen zu ersetzen, welches in der Lage ist, moralische Entscheidungen zu treffen und aus den Folgen dieser Entscheidungen über die Zeit lernen kann. Die implizite Forderung dieser Religion, daß jeder Praktizierende in seinem Geist ein funktionierendes Modell der göttlichen Welt erbaut und erhält, mit sich selbst in einem angemessen bescheidenen Verhältnis zum Gesamten des Universums, hat über einen gewissen Zeitraum einen unvollkommenen Erfolg genossen. Die außergewöhnliche Beschaffenheit und der Umfang ihrer Anforderungen an die menschliche Imagination förderten die Erhöhung des Individuums zu einem sinnvollen Bestandteil der sozialen und politischen Systeme, und führten zu einem explosiven Wachstum der Neugier, des Lernens und der Innovation, was es der westliche Zivilisation ermöglichte, die Welt zu dominieren. Daran anschließend entstanden derivative Konzepte, wie Wissenschaft, Atheismus, Agnostizismus und Existenzialismus, um den Umfang und das Ausmaß der Herausforderung für das Gemüt und den Verstand verschiedener Personen zu reduzieren, die entweder nicht in der Lage waren Göttlichkeit zu imaginieren oder die nicht gewillt waren, den ihnen zu stehenden Platz und die Verantwortung in einem göttlichen Universum zu akzeptieren. Nachdem es ihnen gelang zu vergessen, dass ihr eigenes menschliches Bewusstsein in erster Linie durch das Christentum geschaffen worden war, fingen sie damit an, schrittweise kleinere Modelle des Universums zu definieren, um schließlich bei einer rein physikalischen Zwergenversion zu landen, beherrscht von nicht zugewiesenen "Gesetzen" der Physik und einer utilitaristischen Anwendung des Konzepts der Prädestination -verwässert durch das Konzept von zufälligen physikalischen Veränderungen-, wodurch jedes Bedürfnis nach (unerwünschter) innerer Reflexion im christlichen Sinne eliminiert wurde. Obwohl äußere Symbole, Traditionen und Institutionen des Christentums in sich verschlechternder Form überlebt haben, war die Religion selbst seitdem zum Scheitern verurteilt und mit ihr, das, von ihr gezeugte, große Ideal des Bewusstseins.
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