Samstag, 15. November 2008

Himmel und Hölle

[4] [“Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.”] Friedrich Hölderlin, Hyperion, oder Der Eremit in Griechenland, Erstes Buch

Das Credo des Reaktionärs

"Die Existenz des echten Reaktionärs ist dem Fortschrittler für gewöhnlich ein Skandal. Seine Gegenwart verursacht ihm ein vages Unbehagen. Angesichts der reaktionären Haltung empfindet der Fortschrittler eine leichte Verachtung - begleitet von Unruhe und Überraschung. ... aber nur der Journalist, der Politiker und der Dummkopf ängstigen sich nicht heimlich vor der Zähigkeit, mit der die intelligentesten Köpfe des Abendlandes seit hundertfünfzig Jahren Einwände gegen die moderne Welt anhäufen. ... Aber wenn alle Thesen des Reaktionärs den Fortschrittler überraschen, so genügt die reaktionäre Haltung an sich, um ihn aus der Fassung zu bringen. Daß der Reaktionär gegen die fortschrittliche Gesellschaft protestiert, sie richtet und verurteilt, aber sich dennoch mit ihrem jetzigen Monopol auf die Geschichte abfindet, erscheint ihm überspannt. ...Der Reaktionär enthält sich nicht des Handelns, weil die Gefahr ihm Schrecken einflößt, sondern weil er annimmt, daß die gesellschaftlichen Kräfte zur Zeit einem Ziel entgegenstürzen, das er ablehnt. Im jetzigen Prozeß haben die gesellschaftlichen Kräfte ihr Flußbett in den Felsen gegraben und nichts wird ihren Lauf ablenken, bis sie in das Flache einer ungewissen Ebene münden werden. ... Doch wenn der Reaktionär in unserer Zeit auch ohnmächtig ist, so zwingt ihn seine Natur, seinen Ekel zu bekunden. Freiheit heißt für den Reaktionär Ergebenheit einem Gebot gegenüber. ... Während der Fortschrittler sich an die Zukunft wirft, und der Konservative an die Vergangenheit, mißt der Reaktionär sein Begehren nicht mit der Geschichte von Gestern oder mit der Geschichte von morgen. Der Reaktionär bejubelt nicht, was die nächste Morgenröte bringen soll, noch hält er an den letzten Schatten der Nacht fest. ... Der Reaktionär entzieht sich dem Dienst der Geschichte, weil er im Menschenwald die Spur der göttlichen Schritte verfolgt. Menschen und Handlungen sind für den Reaktionär dienendes und sterbliches Fleisch, das von Winden jenseits der Berge belebt wird.
Reaktionär sein heißt, für Positionen einzutreten, die sich nicht auf der Bühne der Geschichte herumtreiben, Kämpfe auszufechten, die man getrost verlieren kann."
Dávila

Montag, 10. November 2008

Nach einer alten Bauernregel

[“[I]ch ging auf den Zehenspitzen die Glieder der angetretenen Volkssturmleute entlang und baute mich bescheiden hinter der letzten Reihe auf. Mein Blick schweifte diese Reihe entlang: da standen sie, die alten Bauern der Umgebung, von der schweren Arbeit vorzeitig zermürbt, verwitterte und gekrümmte Gestalten, sie hatten die rechte Hand erhoben und sprachen mit rauhen und kehligen Lauten die Eidesformel nach. Und die linke Hand, — wahrhaftig, da und da und dort, hier und hier und die ganze Reihe entlang immer wieder, da hing die linke Hand herunter, und die Schwurfinger der linken Hand, sie wiesen alle zu Boden, — sie leiteten ab, sie leiteten den Eid ab, nach einer alten, pfiffigen Bauernregel. — Oh, Bauern, Bauern! So einfach war das also!”]

Ernst von Salomon, Der Fragebogen (Hamburg: Rowohlt Verlag, 1951), p.411.

Mittwoch, 28. Mai 2008

absoluter Fluß

„Die Auflösung der Moral führt in der praktischen Consequenz zum atomistischen Individuum und dann noch zur Zert(h)eilung des Individuums in Mehrheiten – absoluter Fluß.“

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente 4, November 1982 - Februar 1983.

Samstag, 24. Mai 2008

Lesefrüchte: Weltweite Kirche

„ ... in der Moderne ist es Mode geworden, über Dinge mit Überzeugung zu reden, von denen man nichts weiß.“

„Was ist aber nun ein Spießbürger? Meistens wird dieses Wort im Englischen mit petty bourgeois übersetzt, was ganz falsch ist, denn es gibt Arbeiter, die Spießer sind – und selbst Hocharistokraten. Richtiger wäre das Wort Philistine. Spießer sind eher Männer als Frauen, und zwar kleinkarierte Männer, die pedantisch am Nebensächlichen kleben, durch eine Mischung von Egoismus, stetem Beleidigtsein, Mangel an Verzeihungskraft und Humor (das heißt die Belustigung durch den Konflikt zwischen dem Lächerlichen und dem Erhabenen), aber vor allem von einer Abwesenheit des Übersinnlichen, von aller Transzendenz, gekennzeichnet sind.“

„...dass die Armut der Vielen mit dem Reichtum der Wenigen erklärt wurde, (ist) ein volkswirtschaftlicher Unsinn, der aber keineswegs ein trauriges Privileg von Sozialisten und Kommunisten ist, sondern von ökonomischen Analphabeten fast überall geglaubt wird und dadurch den Neid zum archimedischen Punkt in der demokratischen Stimmenwerbung macht. `Soziale Gerechtigkeit´ heißt dann materielle Gleichheit, und materielle Gleichheit kann wiederum nur durch Neuverteilungen erreicht werden. Das ist alles `einleuchtend´, und es sind ja die fausses idées claires, die falschen, aber klaren Ideen, die am schnellsten überzeugen.“

„Die Linke hat selbstverständlich durch die Ereignisse um das Jahr 1989 – Zweihundert Jahre Französischer Revolution! – sehr viel gewonnen. Sie ist zwei große Hypotheken losgeworden: die Angst vor der militärischen Bedrohung durch die UDSSR und das Drama des bankrotten `realen Sozialismus´. Beide gehören jetzt der Vergangenheit an.
Die Linke kann sich sehr gut von Marx trennen und jetzt – siehe China! – auch hochkapitalistisch gebärden. Allenthalben setzen sich Nadelstreifensozialisten für Privatisierungen von Staatsbetrieben ein. Die Zielscheibe der Linken ist die Familie (die durch den Versorgungsstaat materiell scheinbar überflüssig gemacht werden kann) und auch die allgemeine Moral: ihr Ideal ist der drogensüchtige, sexuell vertierte, hedonistische, elektronisch berieselte, in seiner Immanenz verblödete Fresssack. Sie wollen uns ganz einfach in unserem Dreck ersticken lassen.“

aus: Weltweite Kirche von Erik Kuehnelt- Leddihn

Freitag, 23. Mai 2008

68er: vorläufiges Schlusswort

„Kommen wir auf die deutsche, sozusagen rousseauistische, nicht voltairesche Kulturkritik zurück: Es gibt einen eigentlichen Menschen vor der Pervertierung durch die Zivilisation. Es gibt eine reinere Welt hinter dieser bösen Welt. Wir müssen sie nur wiedergewinnen. Der Kapitalismus ist die aktuellste Deformation, die furchtbarste Form der Entfremdung vom eigentlichen Menschen. Das hatten Adorno und Horkheimer gelehrt, und das hat sich bis heute als Grundinstinkt erhalten, wo deutsche Zivilisationskritik rumort.

Seiner politischen Argumente erstmals nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus verlustig gegangen, wachte der gleiche Instinkt nach dem 11. September 2001 wieder auf: Nunmehr ließ sich das Argument Frantz Fanons von der Ausbeutung der Dritten Welt wie ein Geschenk des Himmels neu in Anschlag bringen. Und dabei geschah, worauf es hier ankommt: Es gab durch Zeugenschaft belegte Triumphschreie deutscher Intellektueller angesichts der zusammenstürzenden Wolkenkratzer und sterbenden New Yorker. Dieser Triumph konnte sich im Nachhinein verbal und öffentlich kaum noch zügeln. Das ließe sich im Detail am Beispiel der Debatte nach dem angloamerikanischen Angriff auf den Irak erhärten. Entscheidend ist in unserem Zusammenhang: Es ist die Erbschaft der Kulturrevolutionäre von Achtundsechzig im Allgemeinen, von Ulrike Meinhof und Andreas Baader im Besonderen: die Erbschaft in eschatologischen Hass. Wenn das erklärende Moment für den Terror nach wie vor anwesend ist, dann sollte der Blick auf die blutigen siebziger Jahre nicht nur wie auf eine exotische Zone fallen. So exotisch ist sie nicht.“

Aus dem Essay von Karl Heinz Bohrer:
„Acht Szenen Achtundsechzig“

in: MERKUR Heft 708 · Mai 2008

Donnerstag, 8. Mai 2008

68: Man hatte wahrlich mehr im Sinn

„Der barbarische Affekt einer Generation, die auf stabile Zustände traf. Im Unterschied zu den vorangegangenen blieb ihr erspart, ihre Ideen auszuleben. Sie hat sich angepaßt, ehe sie richtig auffällig wurde. Man hatte wahrlich mehr im Sinn, als ein paar Polizeischarmützel. Darum die anhaltende Faszination vor den Exzessen der Väter. Die eigenen blieben leeres Konzept. Erfreulicherweise beschränkt sich das Ergebnis auf die Absonderung von namenlosem Stuß in Wort und Schrift, wie nachzulesen. Mittlerweile will man die Demokratie der Bundesrepublik erfunden haben, die uns doch angewidert hat wie die Sünde. Auch eine Bekehrung! Wären wir zu der Herrschaft, wie wir sie wollten, hinaufgelangt, wir hätten uns dort zweifelsohne höchst blutig bewährt. Das geistige Rüstzeug war fertig. An uns hat es nicht gelegen; die Verhältnisse waren stärker.“

Jörg Friedrich, zitiert im Autorenportrait in der Sezession 23